Wer soll denn den Löwen nun tragieren?
Theater an der GBS.
Von Philip
Boger.
Theatergruppen haben viele Schulen. Doch welche, wenn nicht die GBS, hat schon eine Theaterzelle?
Es ist Mittwoch, 16 Uhr 40. Das Wetter ist
schlecht, Nebel zieht in dicken Schwaden über den grauschwarz
asphaltierten Hof. Während ich stehe und schaure, beginnt es
leicht zu nieseln. Sanfter Regen benetzt meine Lippen, ich fahre
mit der Zunge über meine aufgesprungene Unterlippe. Das Wasser
schmeckt nach Kupfer. So wie Blut.
Langsam senke ich meinen Blick auf die Wurzeln der
mächtigen Platane, die den Schulhof überschattet. "Schlafe
nie unter einer Platane!", sagt der alte Grieche in Gerald
Durells berühmtem Korfu-Roman. "Die Wurzeln winden sich in
dein Gehirn und rauben deinen Geist, bei Verstand legst du dich
nieder, wahnsinnig stehst du wieder auf!". Hastig wende ich
mich von dem Baum ab, dessen Rinde vor Nässe schwarz glänzt,
und trete eilig aus dem dunklen Schatten, der den
heruntergekommenen Schulhof beherrscht.
"Idiot!", schimpfe ich mich.
"Läßt dir von einem Baum Angst einjagen!". Vielleicht
war es bei Durell ja auch eine Olive.
Plötzlich dringt der klagende Schrei eines
wahrscheinlich wilden Lehrers durch die Nacht. Ängstlich blicke
ich um mich. Warum zum Teufel ist es schon dunkel? Und warum
streunen hier ungezähmte Lehrer durch das Viertel? Doch warum
Viertel? Erst jetzt erkenne ich, daß die Schatten der Häuser,
die gerade noch felsenfest, aus Stein gemauert und
unerschütterlich um mich standen, sich verändert haben. Seltsam
verschwommen nehme ich die Silhouetten der Gebäude wahr, deren
Umrisse ich gerade noch klar erkannte. Der Nebel ist jetzt so
dicht, daß man meint, man könne ihn mit den Händen teilen. Ich
versuche es. Ich scheitere.
"Wann kommen die endlich?", wimmere ich
durch das Elfenbeingitter meiner zusammengebissenen Zähne. Ich
taste mich durch den immer dunkler werdenden Nebel zurück zur
Platane, versuche, meine Position auf dem Schulhof zu bestimmen,
dessen Ränder ich nicht mehr sehe. Ich bin schon fast froh, als
ich mich mit dem Rücken gegen die Rinde des Baumtyrannen presse,
auch wenn er soviel Dunkelheit gebietet, daß ich nicht einmal
mehr die Schulmauer erkenne. Plötzlich höre ich Schritte. Viele
Schritte. Ängstlich presse ich mich noch stärker an den
Baumstamm, glaube nicht mehr an meine Verabredung, vielleicht...
es streunt ja ein wilder Lehrer durch die Gegend...? Eine Fackel
wird entzündet, gelbes Licht durchwabert die Dunkelheit. Ich
höre Stimmen, wilde Stimmen. Langsam treten einige finstere
Gestalten durch das Meer aus grauem Nebel, die erste muß ein
Lehrer sein. Schaudernd verfolge ich mit dem Blick die
Prozession, die unter Führung des gefährlich einherschreitenden
Mannes mit Schnurrbart und Nickelbrille auf das Eingangsportal
der Schule zusteuert. Ihm zur Rechten läuft der Fackelträger,
ein Berg aus destruktiv veranlagter Materie, ich erzittere vor
der ungestümen, rohen Kraft seiner Bewegungen. Seltsame
Stammesabzeichen, aus Haaren geflochten, hängen von seiner
Stirn, barbarisch anmutende Metallklingen sind durch seine Ohren
und Lippen gestoßen, das brutale Kinn wird durch eine
zerschlagene Boxernase und einen ungepflegten Kinnbart noch
verstärkt.
Den beiden folgt eine Horde aus wahnsinnig
wispernden, zumeist kleineren Individuen, die abwechselnd
höhnisches Gegacker und unzivilisierte Schlürfgeräusche
ausstoßen, sich undiszipliniert ständig umgruppieren. "Wie
Orcs!", schießt es mir durch den Kopf, "Ganz wie
Orcs!".
Endlich ist die Gruppe im Gebäude verschwunden.
Kaum schließt sich dröhnend das gewaltige Hauptportal, schon
wird eine ganze Fensterfront im untersten Geschoß grell von
Fackellicht erleuchtet. Es dringen polternde Geräusche aus dem
Gebäude, Quietschen und Scharren, Flüche werden gebrüllt,
Kommandos gebellt. Meine Neugierde ist stärker als meine Angst.
Vorsichtig wage ich mich an die Fenster heran, luge mit einem
Auge durch das Glas, traue mich nicht, den Kopf weiter zu heben.
Drinnen spielt sich ein groteske Szene ab, die
mich an Dokumentarfilme über längst untergegangene Kulturen
erinnert:
Unter den lautstark den Äther durchfetzenden
Kommandos des undomestizierten Lehrers schlurfen die geknechteten
Barbaren - denn anders kann ich sie nicht bezeichnen - durch den
großen, von flackerndem Teerfackellicht erleuchteten Raum,
tragen Bänke und Stühle, und sabbern dabei noch fröhlich
anmutende Konversation. Während einige sich auf eine
bühnenähnliche Erhöhung im hinteren Teil des Saales begeben,
lümmeln sich manche auf lose herumstehenden Stühlen herum,
unter ihnen auch der Lehrer, der jetzt plötzlich verstummt und
scheinbar konzentriert auf die Bühne starrt. Die folgende Stille
macht mir das Anliegen der Kreaturen klar : Es soll hier eine Art
Theaterstück aufgeführt werden. Gespannt glotze ich auf
die wenigen Figuren, die sich auf der Bühne befinden. Ein
schwarzhaariger Bursche von zwergenhafter Statur. Ein Weibchen,
ebenfalls schwarzhaarig, mit wilder Mine und gekleidet in eine
Art Mönchskutte, die Kapuze hängt schlaff hinter ihrem Rücken
herab. Neben ihr ein Wollmob, lang und dünn mit einer Nase, die
seitlich gesehen aus einem rotbraunen Haarwust heraussticht, ohne
daß sich weitere Gesichtskonturen feststellen lassen könnten.
Neben diesem, in der Mitte, offensichtlich die designierte
Hauptperson, eher pummelig als ein Recke, eher milchig als kühn,
doch mit drolligem Gebaren, ein etwas zivilisierter wirkender
Kerl ohne die offensichtlichen Anzeichen der Roheit, die seiner
Genossen eigen. Der Nächste ebenfalls etwas von distinguierter
Art. Zwar mit langem, unappetitlich anzusehendem Haar und
versehen mit einem altertümlich anmutenden Gestell auf der Nase,
das entfernt an zeitgenössische Brillen erinnert, doch trotzdem
voller Hochmut, der ihm eine Aura gibt, die schon an echte
menschliche Ausstrahlung erinnert. Diesem schließt sich wieder
eine Frau an, oder Weibchen, wie man will. Äußerlich nett
anzusehen, doch mit den offensichtlichen Anzeichen mangelnder
Zivilisation, reibeisenartiger Stimme und mit verklärtem Blick,
so als bete sie ständig zu einer ihr privaten Gottheit,
vielleicht einem der unsäglichen Schauspieler, die in ihrer Zeit
populär gewesen sein mögen. Neben ihr schließlich sitzt der
Stammesälteste, der Fackelträger oder Oberbarbar, wie immer der
Häuptling dieser mir altertümlich anmutenden Kultur auch
genannt werden mag. Hinter ihm steht nur noch, halb verdeckt
durch ein halbhohes klavierähnliches Instrument, auf dem er
ständig so tut, als würde er Gläser abstellen und aufnehmen,
ein entsetzliches Geschöpf von unvorstellbarer ihm aus den Augen
herausblitzender Bösartigkeit, ungezähmt und wild, von fester
Statur, ein Ungetüm, für den Kampf mit bloßen Händen auf
Leben und Tod konstruiert.
Nun endlich beginnt das Schauspiel. Stille.
Nacheinander schlendern die Wesen auf die Bühne, jedes erlebt
seinen Auftritt. Begrüßungsrituale werden gespielt. Ein jedes
holt sich eine virtuelle Speise und ein ebenso unsichtbares
Getränk und setzt sich auf einen der herumstehenden Tische.
Dann, forsch, schreitet plötzlich die Hauptfigur auf die Bühne,
ein altertümlicher Gruß ihrerseits wird von den anderen
brummelnd erwidert. Das Spiel nimmt seinen Lauf.
Ich erwache, wie aus einem Traum. Ich schaue um mich. Ich stehe, am Sims festgeklammert, auf einem kleinen Mauervorsprung der Schulfassade, das Gesicht fast gegen die Fensterscheibe gepreßt. In mir brodelt ein Glücksgefühl, wie ich es nur aus "Star Wars" kenne. Ein Blick durch das Glas sagt mir, daß es nun vorbei ist. Die Kreaturen sind weg, lärmend höre ich sie in die Ferne entschwinden. Melancholie überkommt mich plötzlich, ich muß mir eine Träne aus dem Auge streichen. Weine ich, weil ich berückt bin oder bin ich berückt, weil ich weine? Langsam löse ich mich von der Mauer und setze meine Füße wieder auf den Boden. Ich atme tief durch und beginne meinen Heimweg durch den lichter gewordenen Nebel, setze meine Füße wie in Trance voreinander und löse mich nur langsam, widerwillig aus der süßen Erinnerung an das vorangegangene Schauspiel. Egal wie diese Welt heißt, die diese Kreaturen gebar, und egal wie sie auch erscheinen mögen, es ist ein gute Welt. Ich sehe die Platane nun mit der königlichen Krone, die sie in Wahrheit trägt und nicht mehr als Tyrannin, der Nebel erscheint mir weiß und leicht, wie Flocken aus Sahne mit dem goldenen Einschlag des süßesten Bienenhonigs. Ich versuche, die Flocken zu fangen. Doch ich scheitere. Und wenn jetzt auch noch ein wilder Lehrer kommt... ***
Die Gutenbergschule unterhält nicht nur eine talentierte Theatergruppe, sondern es existiert auch ein von der Theater - AG unabhängiges Projekt unter der passionierten Leitung von Studienrat Viktor Sprunkel, dessen Mitglieder sich zum Ziel gesetzt haben, das barocke Schimpfspiel "Absurda Comica oder Herr Peter Squenz" mehrmals vor einem großen Publikum aufzuführen. Bereits im November 1997 soll die Premiere an der Gutenbergschule stattfinden, weitere Aufführungen sowohl in der schuleigenen Aula als auch im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden sind geplant. Tatkräftige Unterstützung erhält das Projekt durch die Theaterwerkstatt unter der Leitung von Fr. Scharner - Petry, die die Gestaltung der Kostüme und der Bühnenbilder übernimmt.
Anmerkung : Der Autor ist selbst Mitglied und
Schauspieler des Theaterprojekts. Alle bösartig erscheinenden
Anmerkungen und Beschreibungen der mitwirkenden Personen sind
ausschließlich positiv gemeint, sofern daran Zweifel aufkommen
könnten.
Alle animierten und statischen Graphiken wurden wie der gesamte
Text dieser Seite vom Autor erstellt. 06/97, Philip Boger