Schule im Aufbruch ? !

Die Schule ist unersetzlich. Aber sie kann nicht bleiben, wie sie ist. Wenn sie unsere Kinder für das 21. Jahrhundert fit machen soll, dann brauchen wir eine leistungsstarke und attraktive Schule, die Neugier und Lernbereitschaft von Kindern und Jugendlichen nutzt und ihnen Wissen, Maßstäbe sowie Orientierung vermittelt. Dieses Ziel haben wir noch längst nicht erreicht.

Mit halben Sachen dürfen wir uns nicht länger zufrieden geben. Wer aber jetzt nur nach mehr Geld schreit, ist auf dem Irrweg. Geld allein löst die Misere nicht. Die jährlichen Ausgaben für das Schulwesen betragen über 80 Millionen DM ( das entspricht dem Jahresumsatz von VW ). Wir haben 700 000 Lehrer und Lehrerinnen, General Motors hat fast so viele Mitarbeiter. Dies alles zeigt, daß wir es mit einem riesigen Konzern zu tun haben. Allerdings geben 16 autonome Holdingmitglieder den Kurs vor : die Länder. Sie blockieren sich häufig gegenseitig. Gesamtstaatliche Zielsetzungen fallen nicht selten parteipolitischen Blockaden zum Opfer. Dabei sind klare Richtungsentscheidungen gefragt.

Der Staat darf sich nicht länger mit der Zuschauerrolle begnügen. Wenn er die Schulpflicht auferlegt, dann trägt er auch Verantwortung für die Weiterentwicklung der Schule. Dazu gehört, daß er den Rahmen für Bildung definiert. Bedauerlicherweise bleibt er uns, Lehrerinnen, Lehrern, Eltern, Schülerinnen und Schülern konkrete Reformvorschläge, die auch im Schulalltag umsetzbar sind, schuldig. Gegenwärtig ist der Trend zu beobachten, der Schule mehr Autonomie zu gewähren. Dies ist kein Allheilmittel und wird es allein nicht reichen. Reformen müssen viel tiefer ansetzen.

Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung und Mitarbeit in der Schule bin ich zu der Einsicht gekommen, daß wir, die gesamte Schulgemeinde, Abschied nehmen müssen von der Vorstellung,

daß jeder Schüler gleich bildungsfähig ist,
daß Bildung ein kostenfreies Gut ist,
daß Lernen Spaß machen muß.

In folgenden Bereichen sehe ich Möglichkeiten zur Reform :

1. Die komplexer werdende Welt bekommen wir nicht dadurch in den Griff, daß wir Bildungsgänge aufrüsten. Wir müssen aufhören, in Bildungsabschnitte so viel hineinzupacken, als müsse es fürs Leben reichen.

2. Die Vermittlung von Grundwissen muß wieder gestärkt werden. Durch Konzentration auf das Wesentliche, d.h. Ausmusterung von Ballast in den einzelnen Fächern, ist auch ein breiter Fächerkanon zu bewältigen.

3. Die Schule muß sich neben Bildung wieder verstärkt der Erziehung widmen. Teamfähigkeit und soziale Kompetenz sind im zukünftigen Arbeitsleben der Schüler gefragt. Das will erlernt sein. Die Pflege der Toleranz, der Mitmenschlichkeit, der Hilfsbereitschaft und der Eigenverantwortung ist ein soziales Training, dem in der Schule mehr Bedeutung zukommen muß. Betrachtet man dies als ein Ziel von Schule heute, so ist eine praxisnähere Lehrerausbildung unumgänglich.

4. Schule muß Spaß machen. Aber ohne Anstrengung geht es nicht. Wenn Schule auf das Leben vorbereiten soll, dann dürfen Spaß und Spiel nicht zur Maxime des Lebens erhoben werden.

5. Im Rahmen der sich verändernden Organisationsstruktur der Schule ist der Abschied von den starren Zeiteinheiten notwendig.

6. Die wachsende Zahl von Schülern auf 13 Millionen im Jahr 1999 wird den Druck auf die Schule noch erheblich verstärken. Konsequenz: Es müssen neue Schulen gebaut und neue Lehrer eingestellt werden. Ich habe nicht den Eindruck, daß dies von den bildungspolitisch Verantwortlichen bereits so gesehen wird.

7. Elternmeinung und Lehrervotum sind in ein neu zu fassendes Mitbestimmungsrecht qualifizierter einzubinden.

8. Die Auswahl der Leitung einer Schule sollte nicht länger nach parteipolitischem Proporz oder finanziellen/persönlichen Maßstäben erfolgen.

Irene Eckelmann

 

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