LehrerIn werden ist nicht schwer, LehrerIn sein dagegen sehr - oder?
Daß es heutzutage schwer ist, LehrerIn zu sein, hat mehrere Gründe. Zum einen werden aufgrund des Ausbildungsmonopols des Staates Lehramtsstudenten nach der ersten Staatsprüfung in das Referendariat übernommen. Doch nach der abgelegten zweiten Staatsprüfung am Ende des Referendariats werden nur wenige fertige" Lehrerinnen und Lehrer in den hessischen Schuldienst übernommen. Maßnahmen, wie die Verlängerung der Arbeitszeit der Gymnasiallehrerinnen und -Lehrer um bis zu 10% sind der Grund dafür, daß viele hochqualifizierte Lehramtsstudenten nach der zweiten Staatsprüfung in die Arbeitslosigkeit entlassen werden. Damit bleibt ihnen der Zugang zum gewählten Beruf verwehrt.
Bedenkt man, daß die meisten Kollegien überaltert" sind, erscheint die Nichteinstellung junger, qualifizierter Kolleginnen und Kollegen um so fataler. Die Wechselbewegung zwischen abgehenden (pensionierten) und neuen (jungen) Lehrerinnen und Lehrern wird unterbrochen. Der befruchtende Dialog zwischen Jung und Alt kommt kaum noch zustande. Wen wundert es dann, daß das Durchschnittsalter des Kollegiums der Gutenbersgchule 49,7 Jahre beträgt? In den 50er Jahren dürften die Durchschnittswerte an den Gymnasien ähnlich hoch gewesen sein.
Schlimm ist, daß angesichts dieser Sachlage die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer an Gymnasien um bis zu zwei Unterrichtsstunden pro Woche erhöht wurde. Damit steigt die wöchentliche Arbeitszeit um bis zu fünf Stunden. Was ist daran so schlimm? Die Finanzen sind doch knapp, und Lehrer haben doch einen Halbtagsjob" und noch dazu zwölf Wochen Urlaub".
1972 erteilte die hessische Landesregierung dem Institut Knight-Wegenstein den Auftrag, die durchschnittlichen Arbeitszeitwerte hessischer Lehrerinnen und Lehrer zu ermitteln. Ermittelt wurde eine durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 51,3 Stunden. Andere, später beauftragte Institute ermittelten für Gymnasiallehrer 54,9 Stunden bzw. 48,7 Stunden. In diesen Werten sind die Ferien nicht berücksichtigt. Unter Berücksichtigung der Ferien wurde eine mit der Industrie vergleichbare Arbeitszeit für Gymnasiallehrer von 45,6 Stunden pro Woche ermittelt.
Wie ergeben sich so viele Stunden bei einem Halbtagsjob"? Lehrer(!) spielen doch nachmittags Tennis oder sonnen sich im Garten oder im Schwimmbad.", so wird häufig verallgemeinernd festgestellt.
Es ist wahr, daß Lehrerinnen und Lehrer ihre nicht mit Unterricht verbundenen Tätigkeiten zeitlich planen und plazieren können. Wer sich nachmittags Zeit nimmt, draußen zu sein, muß abends um so mehr für die Schule arbeiten. Dann sieht ihn bzw. sie allerdings niemand außer der eigenen Familie; denn diese Arbeit findet im Arbeitszimmer statt.
Was ist denn eigentlich die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer? Lehrerinnen und Lehrer sind doch Beamte, und die tun doch eh nichts."
Eine Übersicht über die verschiedenartigen Tätigkeiten soll zur Aufklärung beitragen:
1. Unterrichtszeit (25 Stunden à 45 Minuten pro Woche)
2. Sprechstunde (45 Minuten pro Woche)
3. Aufsichten (2 Aufsichten pro Woche à 15 Minuten)
4. Unterrichtsvorbereitung - Nachbereitung (45 bis 60 Minuten pro Unterrichtsstunde in der Mittelstufe; 60 bis 75 Minuten pro Grundkursstunde; 75 bis 90 Minuten je Leistungskursstunde)
5. Korrekturen von Klassenarbeiten (ca. 20 bis 30 Minuten pro Arbeit und Schüler in der Mittelstufe)
6. Korrekturen von Kursarbeiten (ca. 45 Minuten im Grundkurs pro Arbeit und Schüler; ca. 60 Minuten im Leistungskurs pro Arbeit und Schüler)
7. Korrektur von Lernerfolgskontrollen (ca. 10 Minuten pro Arbeit und Schüler)
8. Feststellung und Eintragung von Zeugnisnoten (zweimal pro Schuljahr)
9. Konzeption von Abiturvorschlägen (ca. 20 Stunden für Materialsammlung und Ausfüllen der Formulare, insgesamt etwa 16 DIN A4 Seiten)
10. Abiturkorrektur (1 bis 2 Stunden pro Schüler und Arbeit je nach Kursart und Fach)
11. Betreuung von Hospitanten (Studenten des Lehramts an Gymnasien)
12. Betreuung von Referendarinnen und Referendaren
13. Teilnahme an Fachkonferenzen (zwei Konferenzen je Fach und Schuljahr à ca. 2 ½ Stunden)
14. Teilnahme an Gesamtkonferenzen (zwei Konferenzen je Schuljahr à 2 ½ bis 3 Stunden)
15. Teilnahme an Elternabenden
16. Tätigkeit als KlassenleiterIn bzw. TutorIna) Ausstellen von Zeugnissen
b) Vorbereitung und Durchführung von Klassen- bzw. Kursfahrten
c) Teilnahme an Klassen- bzw. Kurstreffen
d) Telefongespräche mit Eltern
Das Beispiel für die von einer Lehrkraft mit zwei Korrekturfächern aufgewendete Korrekturzeit in einem Schuljahr soll zeigen, wie hoch die Belastung der Lehrkräfte durch Korrektur von Klassen- oder Kursarbeiten im Extremfall sein kann.
Angenommen wird eine Lehrkraft mit den Fächern Englisch und Französisch bei fünf Stunden Unterricht in Klasse 5, zweimal vier Stunden in Klasse 7 und 8, drei Stunden Klasse 8, drei Stunden im Grundkurs und fünf Stunden im Leistungskurs.
Danach ergeben sich:
1. 7 Klassenarbeiten à 30 Schüler = 210 Arbeiten
210 Arbeiten x 20 Minuten = 70 Stunden
2. 6 Klassenarbeiten à 30 Schüler = 180 Arbeiten
180 Arbeiten x 30 Minuten = 90 Stunden
3. 6 Klassenarbeiten à 30 Schüler = 180 Arbeiten
180 Arbeiten x 30 Minuten = 90 Stunden
4. 5 Klassenarbeiten à 30 Schüler = 150 Arbeiten
150 Arbeiten x 30 Minuten = 75 Stunden
5. 4 Grundkursarbeiten à 20 Schüler = 80 Arbeiten
80 Arbeiten x 45 Minuten = 60 Stunden
6. 4 Leistungskursarbeiten à 20 Schüler = 80 Arbeiten
80 Arbeiten x 60 Minuten = 80 Stunden
Das ergibt eine aufgewendete Zeit von 465 Stunden nur für Korrekturen. Diese Zeit entspricht 11 ½ Vierzig-Stunden Wochen. Natürlich hat nicht jede Lehrkraft diese Belastung, weil nicht jede Kollegin bzw. nicht jeder Kollege zwei Korrekturfächer vertritt. Doch sind es nicht wenige, die so stark belastet sind, weil einige Lehrkräfte wegen des Fachbedarfs in ihrem ersten Fach so stark eingesetzt werden müssen, daß es zu ähnlichen Belastungen kommt.
Welche Auswirkungen haben diese Belastungen?
Zum Unterricht bedarf es der nötigen Ruhe bei der Vorbereitung, der inneren Ausgeglichenheit, damit Schüleraktionen und - Reaktionen angemessen verarbeitet werden können. Hektik und Streß sind kontraproduktiv. Die Qualität von Unterricht sinkt, wenn Lehrerinnen und Lehrer, die solchen Belastungen ausgesetzt sind, Unterricht nicht mehr als pädagogische Herausforderung, sondern als eine von vielen Belastungen sehen. Hinzu kommt, daß Klassen und Kursgruppen zu groß sind, um allen Schülerinnen und Schülern optimale Lernvoraussetzungen bieten zu können. Selbst wenn jede Schülerin und jeder Schüler einer Klasse die Möglichkeit hätte, in einer 45 Minuten-Stunde zu Wort zu kommen, käme jeder nur 90 Sekunden zu Wort. Außerdem nehmen Verhaltensaufälligkeiten in einem Maße zu, das die ganze Kraft des/der Lehrenden erfordert. Diese Kraft ist nicht mehr vorhanden, wenn zunehmende Anforderungen an die Lehrkräfte deren Energie aufbrauchen.
Die Leidtragenden dieser Entwicklung, die begleitet ist von einer Kürzung der Stundentafel (das heißt: gleichen Stoff in weniger Zeit vermitteln), einer Kürzung der Deputatsstunden (Zeit für nicht unterrichtliche Tätigkeiten, wie Betreuung von Sammlungen und Büchereien) und der Kürzung der Aufwendung für Lehr/ Lernmittel, sind die gegenwärtig zur Schule gehenden Kinder und damit indirekt wir alle. Denn von unseren Kindern hängt deren und unsere Zukunft ab. Was heute in der Bildungspolitik versäumt wird, macht sich in 10 bis 20 Jahren negativ bemerkbar. Um all die Ideen und Innovationen, die Bildungspolitiker beinahe täglich anpreisen, erfolgreich umsetzen zu können, braucht es nicht mehr Unterrichtsverpflichtungen für die bereits Beschäftigten. Vielmehr müssen qualifizierte Referendarinnen und Referendare nach der zweiten Staatsprüfung eingestellt werden, damit Lehrkräfte ausgeglichen und streßfrei an die Arbeit gehen und attraktiv unterrichten können zum Wohle der Kinder, die ihnen anvertraut sind. Überzogene Sparmaßnahmen gehen zu Lasten der Schülerinnen und Schüler, mindern die Unterrichtsqualität und gefährden die Umsetzung hehrer bildungspolitischer Ansprüche, gleichgültig, ob sie sinnvoll oder unsinnig sind.
N. Schmidt-Dossow