Aus Geschichte lernen
Ignatz Bubis berichtete in der Gutenbergschule über Judentum in Deutschland"
Mittwoch morgen, den 15. Januar 1997, 8.20 Uhr auf dem Schulhof der Gutenbergschule. Ein großer schwarzer Mercedes fährt vor. Begleitet von zwei Bodyguards betritt er zusammen mit Herrn Schlotter die Aula der Schule: Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland. Zwei Schulstunden referierte der von Frau Dr. Funke-Schmidt-Rink eingeladene Zeitzeuge über das Thema Juden in Deutschland" und beantwortete rund 200 Schülern der Jahrgangsstufe 12/13 Fragen hinsichtlich seiner Erfahrungen als Jude während der Nazizeit und seiner Einstellung Deutschen gegenüber aus heutiger Sicht.
Der heute 70-jährige hatte einen schweren Lebensweg. Schon früh lernte er, was es heißt, von den Verfolgungen der Nationalsozialisten betroffen zu sein. Wie viele andere seiner Leidensgenossen wurde er in ein Judenghetto gesperrt und lebte für einige Zeit in einem Konzentrationslager, bis er schließlich im Jahre 1945 befreit wurde. Als einziger seiner Familie überlebte er den Holocaust. Bereits im Alter von 15 Jahren war er Vollwaise. Seine Mutter starb 1940, sein Vater wurde 1942 aus dem Judenghetto in Polen in ein Vernichtungslager deportiert und dort umgebracht. Von seinen beiden Geschwistern fehlt bis heute jede Spur. Trotz des ihm und seiner Familie zugefügten Leides ist er aber in Deutschland geblieben und sieht sich heute als Mittler zwischen Juden und Deutschen. Ignatz Bubis wies in seinem Gespräch darauf hin, daß nur knapp 7% der zu Beginn des Nationalsozialismus in Deutschland lebenden Juden die Judenverfolgung überlebt haben. Viele von ihnen wollten nach Ende des zweiten Weltkrieges nicht mehr in Deutschland bleiben, denn das Verhältnis der Deutschen zu jener Bevölkerung war ambivalent; es war durch verschiedene Umstände geprägt. Ein großer Teil der Deutschen hatte ein schlechtes Gewissen oder Schuldgefühle, und auch der Antisemitismus hat nicht mit einem Mal aufgehört", so Bubis.
Schon in den Nachkriegsjahren gründeten die wenigen in Deutschland verbliebenen Juden die ersten jüdischen Schulen und Synagogen. Ende der 80er Jahre begann durch den Zusammenbruch der Sowjetunion die Zuwanderung von 30.000 Juden von dort nach Deutschland. Damit hatte sich die Zahl der jüdischen Gemeinden verdoppelt. Heute sehen sich die Juden als ein Teil der Gesellschaft. Sie wollen Integration, aber keine Assimilation", berichtete Bubis.
Als Besonderheit des Judentums beschrieb der Zeitzeuge die Einheit von Religion und Volk". Jeder, der jüdischen Glaubens ist, sei ein Teil des jüdischen Volkes, betonte er. Die Nationalität spiele dabei keine Rolle. Es sei nicht zwangsläufig jeder Jude ein Israeli, nur weil Israel zum Heimatland der Juden ernannt wurde, ebensowenig wie jeder Israeli ein Jude sei. Auf die Frage, wie Bubis die Schuldfrage beurteile, antwortete er: Schuld ist etwas Persönliches. Auch jemand, der der Generation der Täter angehört, muß nicht unbedingt schuldig sein. Die heutige Generation hat nur wenig mit dem Antisemitismus der Nazizeit zu tun, sie kann folglich nicht verantwortlich oder schuldig sein."
Bubis verdeutlichte aber auch, daß man die Jahre von 1933 - 1945 nicht ausklammern kann. Sie sind ein Teil der Geschichte, und Geschichte muß man kennen, um aus ihr zu lernen. Er appellierte an uns Schüler, die Geschichte nicht zu vergessen, da wir es sind, die die Entwicklung in Deutschland in den nächsten Jahren bestimmen werden.
Carolin Voß, Jgst 12