Erste Erfahrungen mit der Verwaltung der gymnasialen Oberstufe

Schon nach gut zwei Jahren Organisation der gymnasialen Oberstufe an der Gutenbergschule haben sich bei der Arbeit mit den Schülern einige interessante Beobachtungen machen lassen, die im folgenden zusammengestellt und um einige Gedanken und Überlegungen zur Kennzeichnung des momentanen Zustandes ergänzt wurden, um auf Entwicklungen hinzuweisen, die wir aufmerksam im Auge behalten sollten.

Es ist dabei wichtig, zu betonen, daß die Beobachtungen stets nur bei Teilen der jeweiligen Schülerjahrgänge gemacht wurden, sie treffen also nicht auf alle , aber auf die Mehrheit der Schüler mit Leistungsproblemen zu. Meines Erachtens ist es aber wichtig, auf bestimmte Tendenzen hinzuweisen und zu versuchen, daß nachfolgende Schülerjahrgänge ihre Schlußfolgerungen daraus ziehen.


1. Die Information der SchülerInnen über das relativ umfangreiche Paragraphenwerk der Verordnung zur gymnasialen Oberstufe beginnt in der Klasse 10 und muß bis zum Abitur hin ständig vertieft werden.

Die vom Kultusministerium jedem Schüler an die Hand gegebene Schrift kann nur als langfristige Hilfe verstanden werden, intensive mündliche Erläuterungen müssen folgen. Das Interesse daran ist groß und den Schülern kann recht schnell klargemacht werden, daß ihre Wahlentscheidungen z.B. schon für Stufe 11 gut durchdacht sein müssen, sollen später dadurch keine Einschränkungen für die Wahl der Prüfungsfächer im Abitur präjudiziert werden.

Hier ist bereits zu beobachten, daß es für manchen Schüler doch sehr viel bequemer ist, sich einfach informieren zu lassen als sich selbstständig durch die Broschüre zu arbeiten.

Dieses Verhalten läßt sich von Stufe 10 - 13 durchgängig feststellen. Ich war zu Anfang ziemlich verblüfft, wie wenig man sich auf die Informationsveranstaltungen vorbereitet hatte, man verließ sich - natürlich zu Recht - auf die Richtigkeit der durch mich gemachten Ausführungen, aber ich hatte doch erwartet, daß 17 -18-jährige SchülerInnen im Bewußtsein der Verantwortung ihrer Wahlentscheidungen und deren richtiger Planung sich stärker in die Pflicht nehmen und vorab informieren. Es drängt sich unwillkürlich die Frage auf, ob es unsere Schüler sich nicht doch ein bißchen zu leicht machen, etwa im Vergleich zu ihren Altersgenossen, die bereits in einem Ausbildungsverhältnis stehen und ganz anderen Zwängen unterworfen sind. Vielen unserer SchülerInnen ist es nicht ausreichend bewußt, daß sie durchaus eine privilegierte Position einnehmen, indem sie die Schule noch drei weitere Jahre besuchen und die Möglichkeit haben, mit dem Abitur ein Zeugnis zu erwerben, das ihne beruflich Perspektiven eröffnet, die Nichtbesitzern verwehrt bleiben.

Die öffentliche Hand wendet in erheblichem Umfang Mittel für die Bereitstellung der sachlichen und personellen Voraussetzungen auf. Dafür fehlt einigen Oberstufenschülern das Bewußtsein; sie sollten Oberstufe nicht als Servicebetrieb verstehen, der ihnen ihre Unterrichtswünsche möglichst komfortabel zu erfüllen hat. Es ist ja z.B. so, daß die Verordnung über die gymnasiale Oberstufe ihnen lediglich garantiert, daß der Wunsch nach einem Leistungsfach erfüllt wird, was nicht gleichzusetzen ist mit der Erfüllung des Wunsches nach einem Leistungsfachlehrer oder einer -lehrerin, wie es vielfach mißverstanden wird.

2. Eine weitere diskussionswürdige Entwicklung läßt sich bei der Kursbelegung beobachten. Insbesondere in den Gesprächen mit den Schülern bei der kleinen Fachwahl für die Klasse 11, aber auch vor den Fach - und Kurswahlen für die Stufe 12/13 sind die meisten Oberstufenschüler aufgeschlossen dafür, durch Besuch freiwilliger Kurse in der Klasse 11 sich Optionen für die Wahl der Prüfungsfächer im Abitur offenzuhalten bzw. Kurse über ihre Mindestverpflichtung in Stufe 12 und 13 hinaus zu belegen. Sie erkennen schnell, daß es bei späteren Bewerbungen von Vorteil sein kann, daß man noch über zusätzliche Kenntnisse z.B. in einer zweiten Fremdsprache oder einer weiteren Naturwissenschaft verfügt und daß es von Nachteil sein kann, wenn man nur die Minimalanforderungen des Abiturs erfüllt, sozusagen die Oberstufe als Skelett durchläuft.

Sobald aber im ersten Halbjahr einige Wochen vergangen sind, so etwa nach den Herbstferien, kommen bereits erste Anfragen, wann diese zusätzlich belegten Kurse denn nun abgewählt werden können. Als Grund wird meist eine zu hohe Arbeitsbelastung, insbesondere während der Kursarbeitsphasen, angegeben. Fragt man aber genauer nach oder lauscht man aufmerksam Schülergesprächen, so stellt man schnell fest, daß ein nicht geringer Teil unserer Schülerschaft neben der Schule schlicht und einfach schon berufstätig ist, teilweise in bedenklichem Umfang. Hier offenbart sich ein Dilemma, in dem viele Schüler stecken. Der Schule kann nicht mehr die Zeit gewidmet werden, die notwendig wäre, um die belegten Kurse mit Erfolg abzuschließen, weil man, um alle schon vorhandenen Konsumwünsche zu erfüllen, bereits in nennenswertem Umfang arbeiten muß. An eine Zurückstellung dieser Wünsche wird aber nicht gedacht, warum sollte man warten. Das Motto lautet „Jetzt sofort und möglichst alles auf einmal".

Hinzu kommt, diese - als vernünftig beurteilten - zusätzlichen Kursverpflichtungen sind freiwillig und werden, sobald der zu einer erfolgreichen Absolvierung erforderliche Arbeitsaufwand ein bestimmtes Maß überschreitet, einfach abgewählt, ohne daß man den Versuch unternimmt, mit Mehrarbeit zum Erfolg zu kommen, ja durchaus sich einmal über einen längeren Zeitraum stärker zu fordern.

Wohlgemerkt, ich wiederhole es gerne noch einmal, dies trifft nicht auf die Mehrheit der SchülerInnen zu, aber auf die Mehrheit derjenigen, die Probleme in der Oberstufe bekommen.

Wie sollte man dem begegnen ? Nun, indem man das Kind beim Namen nennt und offen eine Einstellung als falsch und kurzsichtig qualifiziert, die Lebensabschnitte durcheinanderbringt. Es ist doch wohl erlaubt, zu fragen, ob es sein muß, daß Oberstufenschüler regelmäßig arbeiten, um sich während ihrer Schulzeit ein Auto zu leisten oder massiv andere Konsumwünsche zu befriedigen und dafür in Kauf nehmen, daß eine solide schulische Ausbildung vernachlässigt wird, die ihr langfristiges Kapital für den späteren Weg ins Berufsleben bildet.

3. Zu beobachten ist weiterhin, daß einige unserer OberstufenschülerInnen heute bereits durch eigene Schuld oder auch völlig ohne eigenes Zutun im familiären und persönlichen Bereich Erfahrungen machen oder Situationen ausgesetzt sind, die vor einigen Jahren noch nicht in diesem Umfang beobachtet werden konnten, sei es, daß sich zu Hause bei den Eltern neuartige Konstellationen ergeben haben, sei es, daß sie schon feste persönliche Beziehungen eingehen oder bereits eine eigene Wohnung besitzen. Dies hat ganz erhebliche Konsequenzen für die Bereitschaft und den Willen, den Anforderungen einer soliden schulischen Ausbildung über einen längeren Zeitraum zu genügen.


4. Daraus ergeben sich für Tutoren und Oberstufenleitung neue Aufgaben, so etwa als Gesprächspartner bei der Bewältigung persönlicher Probleme, die für die Schulleistungen negative Konsequenzen haben. Nur durch solche offenen Gespräche aber sind wir in der Lage, Ursachen plötzlicher Leistungseinbrüche oder -abfälle zu verstehen und den Betroffenen Hilfen zur Bewältigung anzubieten. Ein anderer ganz natürlicher Weg, sich mit den Eltern der Betroffenen direkt in Verbindung zu setzen, ist ja aufgrund der Volljährigkeit meist verwehrt und nur über Umwege zu gehen.


5. Informationsdefizite in diesem Zusammenhang bestehen nach meiner Erfahrung auch über Alternativen zum Abitur. Zwar besteht am Gymnasium für uns die erste Aufgabe darin, zum Abitur zu führen, doch gerade in den Abschlußklassen der Sek. I oder in den oben beschriebenen Situationen gibt es jedes Jahr eine Reihe von Schülern, denen alternative Bildungs - und Ausbildungswege vorgeschlagen werden sollten, da abzusehen ist, daß sie das Abitur mit großer Wahrscheinlichkeit nicht erhalten werden.

In vielen Fällen ist es den Betroffenen eine große Hilfe, aufgezeigt zu bekommen, daß sie ja bestimmte Voraussetzungen für alternative Bildungswege bereits erfüllen, z.B. zum Besuch einer Fachoberschule, eines beruflichen Gymnasiums oder zur Erlangung der Fachhochschulreife.


Insgesamt gesehen kann ich nach der relativ kurzen Zeit von zwei Jahren schon feststellen, daß das Spektrum der Aufgaben breiter gefächert ist als ursprünglich angenommen. Darüberhinaus erscheint es dringlicher denn je, so frühzeitig wie möglich auf Entwicklungen hinzuweisen, die man für falsch hält, in der Hoffnung, daß zum Wohle der Schülerinnen und Schüler noch einiges in einer vernünftigen Weise verbessert werden kann.

Fred Müller

 

Zurück zum MenüGenug gesehen - zurück zum Inhaltsverzeichnis

Einfach mal durchblättern - Nächste Seite