Bemerkungen zur Rechtschreib-Reform

Zu den Themen, die 1996 die Öffentlichkeit stark beschäftigt haben, gehört die Reform der deutschen Rechtschreibung, die am 0l.07.1996 in Wien durch eine „Gemeinsame Erklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung" von politischen Vertretern der deutschsprachigen Staaten abgeschlossen wurde. Diese Neuregelung ist die erste systematische Bearbeitung des seit 1902 gültigen Regelwerks. Die Reform verfolgt das Ziel, die Grundregeln zu stärken, die Zahl der Ausnahmen zu vermindern und Widersprüche abzubauen und damit die Rechtschreibregeln übersichtlicher und logischer zu gestalten und das Erlernen der richtigen Schreibung zu erleichtern.

Diese Reform hat im vergangenen Jahr aus unterschiedlichen Gründen ablehnende Reaktionen hervorgerufen, die teilweise nicht zu rechtfertigen sind, da sie auf mangelnder Sachkenntnis oder dem Wunsch, das Bestehende zu wahren, beruhen. Wie jede Veränderung und Reform kann auch diese sicher nicht allen Ansprüchen genügen, aber man sollte das übergreifende Motiv und Ziel der Reformer erkennen und berücksichtigen, dass insgesamt gesehen die Neuregelung der Rechtschreibung nicht eine totale Veränderung beinhaltet, es sind nur an den „Rändern" unlogische Regelungen beseitigt worden - man kann die „alten" Texte durchaus noch lesen!

An dieser Stelle können nur die wichtigsten Regelungen dargestellt und auf einschlägige Publikationen, die es in großer Zahl gibt, sowie die allgemeingültigen Nachschlagewerke verwiesen werden.

I. Laut-Buchstaben-Zuordnungen

Die neue Regelung beseitigt Verstöße gegen das sog. „Stammprinzip". Sie vefolgt also das Ziel, die gleiche Schreibung eines Wortstammes möglichst in allen Wörtern einer Wortfamilie sicherzustellen.

a. Einzelfälle mit Umlautschreibung

alt:

neu:

behende

behände (zu Hand)

Quentchen

Quäntchen (zu Quantum)

schneuzen

schnäuzen (zu Schnauze)

Stengel

Stängel (zu Stange)

b. Einzelfälle mit Verdoppelung des Konsonanten nach kurzem Vokal

alt:

neu:

numerieren

nummerieren (zu Nummer)

plazieren

platzieren ( zu Platz)

c. ss für ß nach kurzem Vokal (die wohl am meisten diskutierte Veränderung )

alt:

neu:

hassen, Haß

hassen, Hass

küssen, sie küßten

küssen, sie küssten

lassen, er läßt

lassen, er lässt

daß

dass

d. Erhalt der Stammschreibung in Zusammensetzungen

alt:

neu:

Flanellappen

Flanelllappen

Ballettänzer

Balletttänzer

Schiffahrt

Schifffahrt

e. Fremdwörter

Angleichungen der Fremdwörter an die Muttersprache in der Schreibung und in der Aussprache haben schon immer stattgefunden, betreffen aber im Normalfall nur häufig gebrauchte Wörter des Alltagswortschatzes. Weitere Angleichungen sind nur dann vorgenommen worden, wenn eine Entwicklung bereits angebahnt war, wie zum Beispiel die f-Schreibung für ph in Wörtern wie Fotografie, fantastisch usw. (Philosophie schreibt man weiterhin mit ph.) In der Regel tritt die neue Schreibung als fakultative Nebenform neben die bisherige Schreibung.

Z.B.

Necessaire oder Necessär (wie schon Sekretär, Militär)
Geographie oder Geografie
Spaghetti oder Spagetti
Varieté oder Varietee
Ketchup oder Ketschup
Katarrh oder Katarr
Chicoree oder Schikoree

II. Getrennt- und Zusammenschreibung

Bei der Neuregelung wird von der Getrenntschreibung als Normalfall ausgegangen.

alt:

neu:

radfahren

Rad fahren

haltmachen

Halt machen

(auf dem Stuhl) sitzen bleiben

sitzen bleiben

(in der Schule) sitzenbleiben

sitzen bleiben

abwärtsgehen (=schlechter werden)

abwärts gehen

abwärts gehen (einen Weg)

abwärts gehen

soviel, wieviel

so viel, wie viel

so viele, wie viele

so viele, wie viele

III Groß- und Kleinschreibung

Für die generelle Kleinschreibung der Substantive ließ sich keine Mehrheit finden. Daher wurde die traditionelle Großschreibung beibehalten, besonders schwierige Bereiche der Groß- und Kleinschreibung jedoch im Sinne einer besseren Handhabung neu geregelt. So werden Substantive in Verbindung mit einer Präposition (oder einem Artikel) generell großgeschrieben, (Hier sind mehrere Beispiele angeführt, da in diesem Bereich die meisten Fehler lagen. (Wer hat bei folgenden Ausdrücken nicht schon seine Schwierigkeiten gehabt?)

alt:

neu:

in bezug auf

in Bezug auf

schuld geben

Schuld geben

der, die, das letzte

der, die, das Letzte

alles übrige (aber : alles Neue )

alles übrige

im allgemeinen

im Allgemeinen

auf dem trockenen sitzen

auf dem Trockenen sitzen

auf deutsch

auf Deutsch

IV Zeichensetzung

Gegenüber der bisherigen Regelung gibt es Vereinfachungen

a. beim Komma vor „und" oder „oder"

b. sowie in Verbindung mit Infinitiv- und Partizipgruppen

Mit „und" oder „oder" verbundene Hauptsätze müssen nicht mehr durch ein Komma getrennt werden.

Bei Infinitiv- oder Partizipgruppen wird ein Komma nur noch gesetzt, wenn sie durch eine hinweisende Wortgruppe angekündigt wird (Darüber, bald zu einem Erfolg zu kommen, dachte sie lange nach.) oder wieder aufgenommen werden (Bald zu einem Erfolg zu kommen, das war ihr sehnlichster Wunsch.).

Zweckmäßig ist es, ein Komma zu setzen, wenn dadurch die Gliederung des Satzes verdeutlicht wird oder ein Missverständnis ausgeschlossen werden kann.

V. Worttrennung am Zeilenende

Die alte Regel „Trenne nie st, denn es tut ihm weh!" ist aufgehoben.

alt:

neu:

We-ste

Wes-te

„ck" wird bei der Worttrennung nicht mehr durch „kk" ersetzt.

alt:

neu:

Zuk-ker

Zu-cker

 

Zur Umsetzung der Rechtschreibreform in der Schule hat der Kultusminister im Amtsblatt 12/96 ausführliche zeitliche und inhaltliche Vorgaben gemacht, die im folgenden in Auszügen dargestellt werden.

  1. Im Schuljahr 1996/97 steht die Information der Lehrer und Lehrerinnen über die Neuregelung im Mittelpunkt.

  2. In einem ersten vorgezogenen Schritt sind diejenigen Schülerinnen und Schüler mit der Neuregelung vertraut zu machen, die am Ende der Schuliahre 1996/97 voraussichtlich die Schule verlassen werden.

  3. Ab dem Schuljahr 1998/99 ist die Umstellung für alle Schulen obligatorisch. Die NeuregeIung gilt also ab 01.08.1998 an .jeder Schule für alle Klassen und Schuljahrgänge in allen Fächern.

  4. Ab sofort gilt, dass mit der Neuregelung eingeführte Schreibweisen nicht mehr als Fehler angestrichen werden.

  5. Bis zum Ende des Schuljahres 2004705 werden bisherige Schreibweisen, die sich durch die Neuregelung geändert haben, nicht als falsch, sondern als überholt gekennzeichnet.

  6. An die neuen Rechtschreiberegeln angepasste Schulbücher müssen im Rahmen des üblichen Erneuerungsrhythmus angeschafft werden.

Übrigens: Der obige Text wurde nach den Regeln der Rechtschreibreform verfasst.

E. Möhrle-Neubert

Zurück zum MenüGenug gesehen - zurück zum Inhaltsverzeichnis

Einfach mal durchblättern - Nächste Seite