DAS GLÜCK DER ERDE LIEGT AUF DEM RÜCKEN DER PFERDE - BERICHT DER PROJEKTWOCHE 1996
Am Montag, dem 8.7.1996 gings los. Beladen mit Proviant und Ähnlichem nahmen wir einen zehnminütigen, kräftezehrenden Fußmarsch auf uns, der uns zum Bahnhof führte. In Niedernhausen angelangt, starrten wir relativ verwirrt auf die Zugpläne, auf denen unser Zug nicht aufgeführt zu sein schien. Zu unserem Glück entdeckten wir auf dem gegenüberliegenden Bahngleis eine uns vertraute Gestalt. Also Gepäck eingesammelt und rüber. Nachdem wir nun festgestellt hatten, daß wir an dem richtigen Gleis waren, stellte sich unvorhergesehen ein neues Problem: die Fahrkarten! In unserer verzweifelten Suche nach dem richtigen Bahngleis hatten wir die Fahrkarten völlig vergessen und mußten zu unserem Entsetzen entdecken, daß sich der Kartenautomat auf der gegenüberliegenden Seite befand. Als wir endlich mit unseren Fahrkarten im richtigen Zug saßen, näherte sich die nächste Katastrophe in Form eines Kontrolleurs.
Nichtsahnend reichten wir dem guten Mann unsere schwer erkämpften Karten, die er mit leicht entsetzem Gesichtsausdruck anstarrte. Höflich machte er uns darauf aufmerksam, daß unsere Fahrkarten" nur Zuschlagskarten seien. Nun war es an uns, entsetzt zu sein. Doch durch unseren Charme gelang es uns, ihn von unserer Unwissenheit zu überzeugen und er zog ohne Kommentar mit mildem Lächeln weiter. Aufatmend sanken wir in unsere Sitze zurück und überstanden den Rest der Fahrt ohne größere Schäden. In Niederselters angekommen, erwartete uns die nächste Überraschung: Herr Rudloff in modischer Reithose und, ganz nach Reitersart, eine karierte Batschkapp.
Wir fuhren nun also zu dem entlegenen Hubertushof", wo wir die nächste Woche verbringen sollten. Dort begannen wir auch sofort mit der Einteilung der Pferde, wobei für uns beide ein fetter, kleiner Haflinger und ein frecher kleiner Galopper heraussprangen.
Jetzt gab es nur noch ein Hindernis: das Vorreiten auf dem Platz. Es endete in einer mittleren Katastrophe, dennoch erhielten alle die Lizenz" zum Ausreiten. Nach einem erfrischendem Ausritt kehrten wir vollzählig und lebendig zurück. Während wir uns in unser reserviertes Zimmer zurückzogen, fuhr der Rest der Truppe nach Hause. Wir bereiteten uns auf ein köstliches Mittagessen vor, um uns danach von unserem Mißgeschick zu erholen.
Ein amüsanter Aspekt, der unbedingt erwähnt werden will, ist der Größenunterschied zwischen Herrn Rudloff und seinem riesigen Hessenwallach.
Am Mittwoch, dem 10.7., machten wir einen Tagesritt zu Herrn Rudloffs Stall, wo wir uns ungefähr eine halbe Stunde zur allgemeinen Stärkung aufhielten. Leider war es mit der Organisation dieser Stärkung nicht weit her, denn während die Hälfte im wahrsten Sinne des Wortes zwischen zwei Pferden hin und her gerissen. Es erforderte höchste Konzentration und Willensstärke, die beiden Pferde unter Kontrolle zu halten und dabei herumstehenden Hindernissen auszuweichen. Dabei noch ein Brötchen zu essen, war schier unmöglich. Der Rückweg wurde zur Strapaze, da die Vierbeiner es eilig hatten, den Heimathafen zu erreichen und die geniale Idee der Reitlehrerin, die Pferde durch einen Galopp zu ermüden, stellte sich als Flop heraus, da sie nun meinten, den kompletten Rückweg im Galopp zurücklegen zu können. Sie vom Gegenteil zu überzeugen, war Schwerstarbeit, und so einigten wir uns widerwillig auf ein etwas gemäßigtes Tempo. Sowohl Reiter als auch Pferd waren froh, den Stall heil erreicht zu haben.
Da wir uns überlegt hatten, nicht den ganzen Tag faul herumzuliegen, boten wir unseren freundlichen Gastgebern unsere Hilfe im Stall an. Das Angebot wurde leider prompt angenommen, und wir hatten in aller Herrgottsfrühe um halb acht auf der Matte zu stehen, um die Pferde in den Stall zu treiben. Es traten unvorhergesehene Probleme auf, da weder wir noch die Pferde wußten, wer in welche Box gehörte. Dementsprechend chaotisch sah es im Stall aus, wenn man sich vorstellt, daß 20 Pferde frei herumlaufen, während drei Verzweifelte versuchen, sie einzufangen. Einige Pferde standen plötzlich in der Box, da sie die gefüllten Tröge bemerkt hatten. Das erleichterte unsere Arbeit natürlich keineswegs, da die meisten sich weigerten, das gefundene Fressen zu verlassen und die Box für den eigentlichen Bewohner" freizugeben. Doch nach einiger Zeit gelang es uns, die Ordnung wiederherzustellen.
Nach dieser Aktion ging wohl das Gerücht um, wir seien so etwas wie Stallburschen, denn Herr Rudloff bat uns, doch bitte morgens seine Pferde von der Koppel zu holen. Klar, kein Problem. So dachten wir zumindest. Doch es gab da leider ein Problemchen. Wie wir oben schon erwähnten, waren die beiden Tierchen nicht gerade klein und da die Stute bei den leisesten Geräuschen in die Luft ging, war es nicht gerade ein Sonntagsvergnügen, sie zu führen. Wir hingen also relativ hilflos an den hüpfenden Pferden. Für eventuelle Zuschauer ein kurioser Anblick, aber für uns war dieser Kampf am frühen Morgen alles andere als amüsant.
Die restliche Zeit unseren Projektes verlebten wir relativ ruhig und planmäßig. Alles in allem läßt sich sagen, daß wir eine wunderbare Woche auf dem Hubertushof" hatten, die wir jederzeit wiederholen würden.
Yvonne Ernst, Isabelle Sachs