Mein Eindruck vom St. Petersburg-Austausch 1995/96
Bevor ich nach Sankt Petersburg gefahren bin, wollten mir viele Leute, die noch nie in Rußland waren, davon abraten, dorthin zu fahren - bezeichnenderweise keiner von denen, die schon einmal dort gewesen waren. Die nämlich, die schon einmal an einem Austausch mit St. Petersburg teilgenommen hatten, erzählten begeistert davon. Sie sagten zwar, daß alles etwas anders sei in Rußland und man sich an vieles gewöhnen müsse, aber sie empfahlen mir trotzdem, sich die ganze Sache einmal anzusehen. Und da mein Austauschschüler bereits zuvor bei mir gewesen war, ich ihn also somit bereits kannte und mich gut mit ihm verstanden hatte, nahm ich an dem Austausch teil.
Zunächst flogen wir mit Aeroflot - ein rotes Tuch für alle, die gerne Vorurteile verbreiten. Ich meine, es war keine Boeing und auf dem Rückflug gab es Gepäcknetze statt Schubladen. Aber vielleicht sollte ich hier einmal eher erwähnen, daß ich bedeutend mehr Wert lege auf einen ruhigen Flugstil, einen nicht ganz rechtwinkligen Start, eine sanfte Landung und eine nette Behandlung. All dies vermißte ich bislang weitgehend auf Transatlantik-Flügen. Hätte ich gewußt, daß ich, um dies zu erhalten, bloß mit Aeroflot nach Rußland fliegen muß, so hätte ich das früher getan.
Das Vorurteil gegen Aeroflot war aber nur das erste, das sich nicht bestätigte.
Ich erzähle jetzt einfach mal, was ich erlebt habe:
Ich wurde am Flughafen von meinem Austauschschüler - vielleicht sollte ich eher sagen: Freund - Arkady und seiner Familie herzlich empfangen. Ich habe mich sehr gut mit ihnen verstanden während des Austausches und würde sie auch jederzeit wieder besuchen. Als wir bei ihnen zu Hause ankamen, erstaunte mich zunächst, wie fünf Leute (Arkady, seine Mutter, seine Schwester, ihr Mann und ihr kleiner Sohn) und zwei Katzen es fertigbrachten, in einer Zwei-Zimmerwohnung zu leben und dabei eventuell auftretende Spannungen weniger lautstark und weitaus kompromißfreudiger zu lösen, als es die meisten Leute hier tun, die zu dritt oder viert ein ganzes Haus bewohnen. Man muß nun einmal lernen, miteinander auszukommen, wenn man so eng zusammen lebt. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum man immer jemanden hat, mit dem man sich unterhalten kann, ohne daß es einen stört. Ich meine, wenn man seine Ruhe sucht, so kann man einen Spaziergang machen. Man muß sich daran gewöhnen. Doch hat man dies getan, so erkennt man die Vortele: Es ist eine sozialere und kommunikativere Atmosphäre und man lernt vielmehr voneinander. Man sollte sich daher auch nicht von Äußerlichkeiten beeindrucken lassen. Die Wohnung war klein und während meines Aufenthalts schlief die Mutter bei der Nachbarin. Wenige deutsche Familien würden das auf sich nehmen. Nun gut, daß das Essen dort etwas anders schmeckt, will ich mit meinem anglo-amerikanisch geprägten Geschmackssinn nicht abstreiten. Aber wenn man sich daran gewöhnt hat, das dort anders gewürzt wird, so kann es einem sehr gut schmecken. Und man gewöhnt sich schnell daran, wenn man so viel Essen vorgesetzt bekommt wie ich. Die Mutter meines Austauschschülers war den ganzen Tag darum besorgt, daß ich genug zu Essen bekomme: Kaum habe ich aufgegessen, war der Tisch wieder voll, so schnell konnte ich gar nicht gucken. An Hunger habe ich nicht gerade gelitten und auch nicht an Langweile. Viel gelernt habe ich, weil ich mich den ganzen Tag unterhalten habe - obwohl ich kein Russisch spreche. Aber Arkady und ich haben uns wie Wasserfälle auf Englisch verständigt und er hat seiner Familie übersetzt. Auch seine Schwester, die Deutsch-Nachhilfe gibt, war froh, daß ich ihr einiges erklären konnte und sie jemanden gefunden hatte, der mit ihr Deutsch spricht. Hauptkommunikationsmittel war trotzden Englisch. Somit konnte ich mich auch mit Freunden von Arkady unterhalten, die wir besucht haben. Ich habe gesehen, daß zumindest die Jugendlichen sich gar nicht so viel anders verhalten als wir, nur vielleicht noch etwas sozialer.
Auch das Programm hat dazu beigetragen, daß ich viel über das Land gelernt habe.
Vielleicht konnten wir in den zwei Wochen nicht alles Sehenswerte betrachten, was es in der Umgebung von St. Petersburg gibt. Aber hätte man das Programm voller gepackt, so wäre es zu viel gewesen. Wir haben alles gesehen, was wir in der kurzen Zeit verarbeiten konnten. Sowohl mehr als auch weniger wäre nicht gut gewesen. So haben wir die wichtigsten Einrichtungen gesehen, wie z.B. die Burg von St. Petersburg, die Eremitage, das Russische Museum, Pushkin, die Stadt Sankt Petersburg selber, .... Arkadys Schule.
Der Unterricht gefiel mir. Von den Unterrichtsstunden, die ich gesehen habe, kann ich berichten, daß sie sehr offen und locker ablaufen. Man versteht sich gut, und die Lehrer versuchen, den Stoff nicht all zu trocken herüberzubringen. Es geht nicht unnötig streng zu, aber die Schüler scheinen trotzdem einen etwas größeren Respekt vor ihren Lehrern zu haben als wir.
Ich war auch viel in St. Petersburg unterwegs mit Arkady und einem seiner Freunde. Es fiel mir auf, daß die Kaufhäuser zwar voll waren mit Waren, aber die Leute diese nicht kaufen konnten, da sie kein Geld hatten. Wir, als Austauschschüler, sollten darauf achten, nicht mit Geld um uns zu werfen, wenn wir mit unseren russischen Freunden einkaufen gingen. In Arkadys Familie sprach keiner von Armut. Aber es war auffällig, daß sie nie etwas kauften, was sie nicht unbedingt brauchten. Bei uns ist das schließlich ganz anders. Somit fing ich an, etwas sparsamer zu werden. Man spürt zwar im Gegensatz zu hier keinen Besitzneid, aber es ist immer besser, sich anzupassen, wenn man irgendwo zu Gast ist. Schließlich nimmt man an einem Austausch nicht teil, um woanders einkaufen zu gehen, sondern um mehr über die Menschen und das Leben in einem anderen Land zu erfahren, neue Freunde zu finden, eine andere Kultur kennenzulernen und etwas weltoffener zu werden. Denn gerade das finde ich in einer Zeit wie der unseren wichti, in der Vorurteile und Nationalismus ein friedliches Zusammenleben der Völker empfindlich stören. Arkady hat mir gezeigt, daß viele Russen das auch so sehen.
Auch die Gelassenheit und Ruhe, die in St. Petersburg herrscht, hat mich beeindruckt. Es geht wesentlich weniger hektisch zu als hier. Kein Wunder eigentlich, wenn man nicht hinter der U-Bahn herrennen muß, da in weniger als zwei Minuten sowieso die nächste kommt. Auf diese Art und Weise hält sich der Individualverkehr in Grenzen. Für eine Großstadt waren wenig Autos unterwegs. (Ich habe eigentlich keinen Stau gesehen.) Und irgendwie trägt das auch zu einem sozialeren Miteinander bei.
Jetzt können mir die Leute viel Schlechtes und Gutes über Rußland erzählen. Ich habe St. Petersburg gesehen und weiß, daß ich lieber das Gute glaube. denn davon habe ich mehr gesehen. Alles weitere ist Sache des Betrachters. Daher kann ich diesen Austausch nur weiterempfehlen.
Christian Hof