BELLA ITALIA’96

Es ist immer spannend, andere Menschen kennenzulernen und neue Kontakte zu knüpfen.

Der Zug aus Milano rollte im Mainzer Bahnhof ein. Ich freute mich schon auf Miriam, meine italienische Austauschpartnerin. Wir waren uns gleich sympathisch und kamen sofort ins Gespräch. Ihr fließendes Deutsch beeindruckte mich sehr. Verständlich werden die hervorragenden Sprachkenntnisse der 30 SchülerInnen, wenn man weiß, daß sie die deutsche Schule in Mailand besuchen, wo der Unterricht vorwiegend in Deutsch erteilt wird. Einige von ihnen besuchten schon den deutschen Kindergarten und hatten somit von klein auf deutschsprachige Freunde und Freundinnen.

Ohne jedes Sprachhindernis, das normalerweise bei einem Austausch überwunden werden muß, lernte man sich besser kennen und konnte intensivere und inhaltlich interessantere Gespräche führen. Der Nachteil der unterschiedlichen, sprachlichen Voraussetzungen zwischen italienischen und deutschen PartnerInnen machte sich erst so recht bemerkbar, als wir Wiesbadener Schüler, die ja erst ein bis drei Jahre lang Italienisch als dritte Fremdsprache lernen, nach Italien zu Besuch kamen: Meist wurde der Einfachheit halber Deutsch gesprochen. Auch in der Schule konnte man seine Sprachkenntnisse kaum anwenden; lediglich bei Unternehmungen mit italienischen Freunden und Freundinnen und in der Familie.

Die Gutenbergschüler empfingen ihre Gäste in der dritten Märzwoche. Aufgrund der Jahreszeit zeigten sich Wiesbaden und Umgebung wenig attraktiv. Durch das Programm, das die Organisatoren des Austausches, Frau Meiwes-Ricci und Herr Dr. Schrecker (früher Lehrer an unserer Schule, jetzt an der Deutschen Schule in Mailand), vorbereitet hatten ,und durch die Unternehmungen innerhalb der Familien wurde der Aufenthalt recht abwechslungsreich.

Besonderen Anklang fand der Ausflug nach Heidelberg. Nach der Schloßführung und einem ausgedehnten Altstadtbummel gönnten wir uns einen Cappuccino, der sich als typisch deutsch herausstellte - nämlich statt mit Milchschaum mit Sahnehäubchen versehen.

Natürlich durften eine Stadtführung durch Wiesbaden und eine Abschiedsfeier nicht fehlen. Nicht nur auf der Feier lernten auch wir Wiesbadener aus unterschiedlichen Klassen ( 9.-12.) uns besser kennen, sondern auch als wir einen Monat später einen ganzen Tag im Zug gemeinsam verbrachten. In Begleitung von Frau Meiwes-Ricci und Herrn Dr. Weider trafen wir gegen Abend in Mailand ein.

In besonderer Erinnerung an Mailand ist mir der beeindruckende Blick vom imposanten Duomo auf die Drei-Millionenstadt geblieben, sowie die wunderschöne Galleria Vittorio Emanuele, das Castello Sforzesco, das man von den oberen Stockwerken der deutschen Schule aus sehen konnte und die vielen kleinen Bistros, in denen man sich so oft zu einem (typisch deutschen) Cappuccino traf. Wenn ich an den Besuch auf der Isola Bella im Lago Maggiore denke, habe ich den kunstvoll angelegten Garten vor Augen, doch die schönen Eindrücke werden von der Vermarktung der Insel und dem Tourismus überschattet.

Neben den Unternehmungen, die uns die Umgebung zeigten, stand auch der tägliche Schulbesuch auf dem Programm. In Mailand galten strengere Regeln als an der Gutenbergschule: Die Schule ist wie eine Kaserne eingezäunt, ein Pförtner kontrolliert die Passanten am einzigen Eingang, und so wurde der Schulbesuch der Gäste eher zur Pflicht.

Am Ende des Austausches erstellten deutsche und italienische SchülerInnen gemeinsam einige Plakate, die Eindrücke, Erlebnisse und Verbesserungsvorschläge mit Zeichnungen, Fotos und Text präsentierten. Kritisiert wurde lediglich, daß durch den vielen Unterricht, der zu besuchen war, den Partnern und Partnerinnen wenig Freizeit blieb und für Sehenswürdigkeiten in der Stadt kaum Zeit war.

Beim Erstellen der gemeinsamen Arbeit wurde deutlich, was als typisch italienisch bzw. typisch deutsch empfunden wurde. Dennoch sind die Spezialitäten Deutschlands: Bretzeln, Vollkornbrot und „Haribo Gummibärchen". Als typisch gelten auch Federbetten und Plateauschuhe. Der typisch deutsche Lehrer wird als „locker" bezeichnet, die kennzeichnende Eigenschaft eines Deutschen ist die Pünktlichkeit und die deutsche Familie ist angeblich die Harmonie selbst, denn - man höre und staune - ein deutscher Jugendlicher streitet sich nie mit seinen Eltern!

Nach den Beobachtungen der Wiesbadener ernährt sich der typische Italiener vorwiegend von Pasta, Cappuccino und Eis, ist ein lebenslustiger Mensch, der beim Essen fernsieht und sich als Jugendlicher unter strenger Obhut der Eltern befindet. Es war interessant zu erfahren, welche Eigenschaften einem Deutschen zugeschrieben werden.

Die Resonanz bezüglich des Austausches insgesamt ist recht gut ausgefallen. Fast alle waren mit ihrer Gastfamilie zufrieden. Aus einigen Austauschpartnerschaften haben sich inzwischen Freundschaften entwickelt, und der Kontakt wird privat weiter aufrechterhalten. Außerdem haben diese Kontakte und das Kennenlernen des italienischen Alltags dazu angespornt, die Sprache zu erlernen.

Julia Kayser JgSt. 12

 

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