Orchesterreise nach Montreux im November 1995
Wohl kaum eine andere Stadt wirkt im naßkalten November so einladend wie diese: am Ufer des Genfer Sees gelegen, umgeben von imposanten Berggipfeln, schmucke Villen inmitten großzügiger Gärten - alles überzogen mit einer feinen, glitzernden Schneedecke.
Es ist schon dämmrig, als die beiden Busse aus Wiesbaden hier eintreffen. Viele Lichter, goldgelb und warm, spiegeln sich im See, werden vom Schnee reflektiert - eine gute Atmosphäre, um anzukommen.
Einige Orchestermitglieder werden von den Gasteltern abgeholt, während sich im Bus erwartungsvolle Spannung ausbreitet. Herr François Maffli, Organisator und Gastgeber aus Montreux, begrüßt uns mit sehr viel Herzlichkeit. Es gibt keine Zweifel mehr - wir sind willkommen.
Die Unterkunft für die fast 100 Gäste liegt auf einem Hügel über der Stadt. Hier oben ist die Luft kristallklar. Noch einen Blick ins Tal und über den See, dann öffnet sich die Pforte zu unserer Behausung. Durch einen breiten, fensterlosen Gang geht es hinab ins Innere des Hügels. Ein unterirdischer Atomschutzbunker wird für 3 Tage zur Herberge für das Wiesbadener Orchester. Für Katastrophen konzipiert, eignet sich der Bunker auch für temperamentvolle, junge Musiker. Mehr noch - es scheint, als bedürfe es jugendlicher Lebendigkeit und Freude, damit die kühlen, zweckmäßigen Hallen aus ihrer Winterstarre erwachen und ihren kuriosen Charme entfalten. In allen Ecken stapeln sich Instrumente, und bunte Schlafsäcke bringen Farbe in die öden Schlafsäle.
Schon bald zieht durch die gesamte Anlage ein provençalischer Duft. In der Großküche haben einige Orchestermitglieder, unaufgefordert und in Eigenregie, begonnen, das Festmahl für die Weitgereisten zuzubereiten: Spaghetti mit Tomatensauce. Das von mir erwartete Chaos bleibt aus, und ich bin wieder einmal fasziniert von dem freundschaftlichen Miteinander, von dem fairen Zusammenspiel zwischen Kindern und Jugendlichen. Mit einer so harmonischen Gruppe läßt es sich reisen.
Am nächsten Morgen, beim Aufstieg aus der Tiefe ans Tageslicht, empfängt uns strahlender Sonnenschein. Die Zeit zwischen den Proben findet somit im Freien statt. Der Höhepunkt am Nachmittag ist die Besichtigung des Chateau Chinon. Über eine Brücke erreichbar, steht das Schloß auf einem Felsen im See. Von einer sympathischen Dame, bei der alleine der faszinierende Dialekt zum Zuhören einlädt, erfahren wir von den Dramen, die sich hier in früher Vergangenheit abgespielt haben. Auf dem Heimweg werden die mitgebrachten Franken für die berühmte Schweizer Schokolade ausgegeben - Nervennahrung für den bevorstehenden Konzertabend. Zwei Stunden vor Konzertbeginn erlebt der Katastrophenbunker die wundersame Verwandlung der grellbunten Teenies in vornehme junge Damen und Herren: weiße Kragen, lange schwarze Röcke, die wilden Haare brav gescheitelt und zu Zöpfen geflochten. Kaum wiederzuerkennen, wären da nicht die wohlbekannten offenen Blicke, die gleiche selbstbewußte Haltung, diese Freude am gemeinsamen Tun, die auch jetzt wieder - gepaart mit Lampenfieber - zum Ausdruck kommen. Es wird ein schönes Konzert im festlichen Rahmen eines gut besuchten Konzertsaales. Mit Werken von Smetana, Webber, Debussy und Pergolesi begeistert das Orchester das Publikum und die Presse. La Presse" lobt in ihrer Ausgabe vom 20.11.95 den unbefangenen Charme des jungen Ensembles und die sensiblen Interpretationen der begabten Solisten. Bei der Ankunft in Wiesbaden ist der unbefangene Charme von bleicher Müdigkeit überschattet. Daß es ein tolles Wochenende war, voller bedeutender neuer Eindrücke, ist noch am Glanz in den Augen zu erkennen, die sich an diesem Abend ungewohnt früh schließen.
Gabi Gass