Sport vor 50 Jahren Staatliches Gymnasium und Realgymnasium Wiesbaden"
So hieß 1947 noch die Gutenbergschule, und als damals die Klasse 6a (heute Klasse 5) zum Unterricht in Leibesübungen antrat, geschah dies in Reih und Glied" und der Größe nach und nur bei gutem Wetter, denn nicht nur der schlechte Ernährungszustand der meisten Schüler, sondern auch der mangelhafte Zustand der Turnhalle und das Fehlen von Geräten stellte erhebliche Schwierigkeiten dar", die den Turnunterricht nur im Freien erlaubten. Die 52 Schüler dieser Klasse folgten begeistert ihrem Sportlehrer, Studienassessor Dr. Reutler, der es verstand, aus der Nachkriegsnot eine Tugend zu machen und sogar die mißlichen Gegebenheiten zum Turnunterricht nutzte.
Der Südflügel der Schule lag nach der Bombennacht am 2. Februar 1945 in Trümmern. Sie bildeten in der Mitte des Hofes einen etwa sechs Meter hohen Hügel. Diesen galt es zu erklimmen, auf der anderen Seite stolperten die kleinen Sextaner abwärts. Staffeln um diesen Berg bildeten den Höhepunkt einer Stunde, in der immer wieder neu angetreten - natürlich der Größe nach- und abgezählt wurde. Wenn einer nicht die richtige Zahl nannte, begann das Zählen erneut. Beim zweiten Mal mußte der Betreffende eine Strafrunde laufen.
Die Schule besaß keine Bälle
mehr. Als Wurfgeräte waren lediglich die Handgranatenattrappen
aus den erst zwei Jahre zurückliegenden Kriegszeiten
vorhandenen, aber diese vormilitärischen Sportgeräte durften -
sehr zum Leidwesen der bewegungshungrigen Sextaner, aber aus
verständlichen Gründen - nicht benutzt werden. Doch die
Backsteine des zerbombten Südflügels standen den Schülern
statt Eisenkugeln zum Stoßen zur Verfügung. Das Steinstoßen
wurde zum Renner in den Pausen. Regelrechte Meisterschaften
wurden ausgetragen, und alle waren enttäuscht, als diese
Backsteine zum Wiederaufbau des Südflügels abtransportiert
wurden und nicht mehr als Sportgeräte" verwendet
werden konnten.
Einer der Sextaner war stolzer Besitzer eines Lederballes, den er
jeweils zum Turnunterricht mitbrachte. Mit Erlaubnis seiner
Eltern durfte dieser Ball auch für die Durchführung größerer
Schulveranstaltungen verwendet werden. Alle beneideten diesen
Klassenkameraden. Er war klein und schmächtig, der Ansicht aller
nach sportlich unbegabt, aber er hatte als Ballbesitzer das
Recht, in allen Mannschaften mitspielen zu dürfen, wenn sein
Ball benötigt wurde.
Selbst im harten Winter 1947 kam der Turnunterricht nicht ganz
zum Erliegen. Treppenläufe durch den Nordflügel standen auf dem
Programm. Die Gruppe, die am leisesten lief, war jeweils Sieger.
Das war bei 52 Schülern in der Klasse nicht immer einfach.
Mit großem Improvisationstalent wurde auch der andere Unterricht
durchgeführt. Heute, nach 50 Jahren, kann ich eigentlich nur mit
Bewunderung auf unsere damaligen Lehrer zurückblicken, die
selbst in diesen schweren Zeiten den Sportunterricht als
unverzichtbaren Bestandteil der schulischen Bildung
aufrechterhalten haben.
Karl - Dieter Zöller