Verabschiedung Frau Werner-Eckhardt
Liebe Frau Werner-Eckhardt!
Wenn ich Kultusminister wäre - würde ich mit allen Mitteln zu verhindern suchen, daß Sie schon in Pension gehen. Ich würde Ihnen nicht nur das großzügige Angebot machen, zwei Stunden in der Woche mehr Unterricht zu erteilen. Wenn ich Kultusminister wäre, dürften Sie auch noch länger unterrichten.
Wenn ich Kultusminister wäre, würde ich mich wahnsinnig freuen, wenn Sie mir einen Brief schickten. Auch wenn der Inhalt Ihres Briefes sich nur auf schnöden Mammon bezöge. Ich würde Ihnen gerne antworten und versichern, daß Sie mehr noch verdienen als lumpige DM 130.000 im Jahr. Ich würde gerne auf einen Teil meiner geringen Einkünfte verzichten, um Sie in der Schule zu halten.
Denn Sie sind eine Pionierin.
Und wenn ich Kultusminister wäre, dann hätte ich mit großer Freude die markigen Worte unserer ehemaligen Kollegin Dietgard Erb anläßlich des 25. Jubiläums des Hessenkollegs vernommen, wonach harte Zeiten Pioniergeist erfordern. Pionierin bzw. Pionier ist jemand, die bzw. der neue Wege geht, unentdeckte Plätze auffindet. Insofern waren Sie Pionierin. Sie lüfteten ein Geheimnis. Als nämlich Ihr Mann in Pension ging, da stellten sich mir Fragen über Fragen, zum Beispiel warum er nie gegen die Isolationsfolter der Einzelunterbringung im vergitterten Kellerzimmer der Fremdsprachenbücherei protestierte. Oder was sich im anschließenden Hinterzimmer verbarg: Couch, Kühlschrank, Sessel, Schreibtisch, Fernsehgerät oder dieses alles oder ganz anderes.
Sie, liebe Frau Werner-Eckhardt, lüfteten das Geheimnis: lange bevor die Mauer fiel, öffnete sich die Tür zum Hinterzimmer, und gewöhnlich gut unterrichtete Greise behaupteten, die Öffnung der Türe sei mit Ihrer Heirat zusammengefallen. Keine, keine Fragen" (Zitat aus der Rede zur Verabschiedung Ihres Mannes).
Wenn ich Kultusminister wäre, hätte ich mich über so viel Pioniergeist und kollegiales Einfühlungsvermögen gefreut.
Wenn ich Kultusminister wäre, wäre ich froh, daß Sie ein Theater-Fan sind. An einem meiner ersten Tage an dieser Schule konnte ich das erkennen, als Sie mit einer Klasse eine Schulstunde in Französisch inszenierten anlässlich der Sextanereraufnahme in der damals noch neuen Turnhalle. Der Französisch-Lehrer im Stück damals war Peter Weigle, mein späterer Stiefsohn. Und 26 Jahre später an einem Ihrer letzten Tage als Lehrerin an dieser Schule inszenierten Sie Sketche im Rahmen der Projektwoche. Wenn ich Kultusminister wäre, würde ich mich glücklich schätzen, Sie als Theater-Expertin im Schuldienst zu wissen. Denn wie uns allen bekannt ist, machen viele Kultusminister (wie viele Politiker) viel Theater, um sich in Szene zu setzen. Als Expertin der Regie könnte ich Sie da gut brauchen.
Wenn ich Kultusminister wäre, würde ich Ihre große Tierliebe schätzen. Sie haben Sich im Rahmen Ihrer unterrichtlichen Tätigkeit und darüber hinaus engagiert und differenziert für den Tierschutz eingesetzt. Als die Glaserkerfassade des Neubaus für viele Singvögel zur Todesfalle wurde, baten Sie sofort um rasche Abhilfe durch Anbringung schwarzer Papiervögel zur Abschreckung. Daß es schwarze Vögel waren, die abschreckten, darüber müßte ich mich als hessischer Kultusminister freuen müssen, wie wohl ich weiß, daß auch mancher rote Vogel abschreckend wirkt.
Der Kultusminister, nicht ich will Sie am letzten Schultag vor den Ferien mit einem Sabbatjahr ködern. Wenn ich Kultusminister wäre, würde ich Sie auch mit einem Sabbatjahr ködern, aber nicht mit einem Sabbatjahr, für das man sparen muß (weniger Geld oder mehr Arbeit); denn das wäre ja der Beweis, daß man und frau mehr arbeiten können und noch nicht genügend belastet sind. Wenn ich Kultusminister wäre, würden Sie ein Sabbatjahr erhalten, das alle zwei Jahre gewährt wird, deklariert als Schulversuch über unbestimmte Zeit und ohne Gegenleistung Ihrerseits.
Wenn ich also Kultusminister wäre, würde ich alle Hebel in Bewegung setzen, um Sie in der Schule zu halten.
Nun bin ich aber nicht der Kultusminister, und ich nehme an, daß Sie deshalb partout nicht bleiben wollen und - angestiftet von Ihrem Mann - nichts sehnlicher wünschen als jedes Jahr Sabbatjahr, den wohlverdienten Ruhestand also. Und den wünsche ich Ihnen auch von ganzem Herzen.
N. Schmidt-Dossow