Gymnasium
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Zwischen Frankreich und Madagaskar – Lesung mit Nirina Ralantoaritsimba

Wer von euch kennt eine Nirina? – Niemand meldet sich.

Wer von euch wächst bikulturell ausf? – Viele Finger heben sich.

Mit diesen zu Beginn der Lesung gestellten Fragen an die zwei Französisch-Leistungskurse der Q1 (Gulden/Kugler) umreißt die 1976 in Frankreich geborene Autorin Nirina Ralantoaritsimba die Kernthematik der Doppelstunde am 28.10. in der Aula: Ihre nicht nur französischen, sondern auch madagassischen Wurzeln und deren Bedeutung für ihre Biographie und ihr aktuelles  Romanprojekt.

Nirina bedeutet in der Sprache Madagaskars so viel wie „Désirée“, also „die Erwünschte“. Allerdings, erwünscht war sie zumindest für die madagassische Familie gar nicht, denn diese lehnte die Verbindung ihres für Schule und Studium nach Frankreich gekommenen Vaters mit einer Französin ab. Zu schmerzhaft waren die Erfahrungen aus der Zeit der französischen Kolonialherrschaft und der Entkolonialisierung. So kommt es, dass sie erst als junge Erwachsene das Land ihres Vaters zum ersten Mal besucht und immer noch dabei ist, es besser kennen zu lernen.

Aus dieser persönlichen Geschichte ist ihr Romanprojekt erwachsen, an dem sie auch die letzten zwei Monate als Gewinnerin des Hessischen Literaturstipendiums Nouvelle-Aquitaine 2020 in der Villa Clementine gearbeitet hat: fiktive Briefe an den verstorbenen madagassischen Großvater. Es geht ihr dabei hauptsächlich (auch ganz allgemein) um das Thema der Versöhnung und des Verständnisses zwischen den Kulturen.

Nirina Ralantoaritsimba fesselte alle Anwesenden mit dem lebhaften Bericht ihrer Familiengeschichte und ihrem engagierten Plädoyer für Toleranz. Sie ging ausführlich auf Fragen ein und interessierte sich dabei für die Meinung der Schüler*innen. Nicht zuletzt gewährte sie einen Einblick in die Arbeitsweise einer Autorin: sie stellte die für sie wichtigen Lektüren (Werke zur Geschichte Madagaskars) und ihre eigenen Reisetagebücher als Inspirationsquellen vor. Die Lektüre von Auszügen ihres noch in Arbeit befindlichen Romans rundete die bereichernde Begegnung mit ihr ab.

Der Dank für diese etwas andere Französischstunde geht an die Autorin wie auch an Frau Rittner vom Hessischen Literaturrat sowie Frau Termer für die Organisation der Lesung.

Michaela Kugler

Titelbild: Copyright Dina Cassim

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